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Silicommdada

Auf dem Steckenpferd unterwegs im Silicon Valley

Archive for Politik

Terminhinweis: Mozilla 24

Mozilla 24 ist ein globales Event am kommenden Wochenende zur sozialen, technischen und kulturellen Zukunft des Internets. Mit Veranstaltungen in Paris, Bangkok, Tokyo und Stanford - und einem Livestream ins Web. Mehr unter http://www.mozilla24.com und selbstmurmelnd eine Nachlese mit Schwerpunkt Stanford irgendwann nächste Woche hier bei Silicommdada.

Googles eigener Weg zum Kunden…

Vor ein paar Wochen habe ich hier einmal darüber nachgedacht, dass die für 2008 geplante Auktion von Frequenzen, die für einen landesweiten kabellosen Internetzugang geeignet sind, eigentlich Google interessieren müsste. Freitag kam es dann über den Ticker: Google interessiert sich für die Frequenzen, möchte aber die Bedingungen geändert haben, zu denen die Versteigerung stattfindet! Google Chef Eric Schmidt möchte erreichen, dass die Frequenzen an Subabnehmer weiter gegeben müssen, wenn sie durch den Gewinner der Auktion nicht genutzt werden. So soll wohl ausgeschlossen werden, dass jemand die Frequenzen kauft, um sie dann ganz einfach zu Lasten des Wettbewerbs still zu legen.

Ich denke, die Chancen für Google stehen nicht schlecht. Erstens haben die Informationscontroller aus Mountain View das nötige Kleingeld, um andere potentielle Käufer zu überbieten. Und was den Änderungswunsch anbelangt: da hat ja FCC Chef Kevin J. Martin (die Federal Communication Commission (FCC) ist die oberste Kommunikationsregulierungs-Behörde in den USA, die die Auktion durchführt) seinerzeit nur wenige hundert Meter von Googles Zentrale entfernt gesagt, dass es seiner Behörde darum gehe, den Wettbewerb zu forcieren.

Und um Wettbewerb und um die Net-Neutrality geht es bei dieser Geschichte. Stichwort Wettbewerb: Internetzugang gibt es auf vier Wegen. Zu Hause übers Telefonnetz, über das (TV-) Kabelnetz und per Funk übers Handy oder ein (privates, lokales oder kommunales) Wireless Lan (Zugang per Satellit lassen wir mal als kaum relevant weg). Zwischen Telefongesellschaften und Kabelnetzbetreibern herrscht hier ein recht harter Wettbewerb, von dem aber nur Neukunden etwas haben - spätestens nach einem Jahr steigen die Preise und die Qualität lässt durchweg zu wünschen übrig. Kaum zu glauben aber wahr: hier im Herzen des Silicon Valleys ist es nicht leicht, als Privatanwender eine wirklich schnelle DSL Verbindung zu bekommen.

Die Anbieter der amerikanischen Handynetze haben bislang wenig Enthusiasmus gezeigt, im kabellose Bereich aktiv zu werden. Der Zugang per Handy ist recht langsam und kostet vergleichsweise viel. Erst jetzt mit dem neuen Tarif für das iPhone kommen die Preise ein wenig in Bewegung. Aber das iPhone hilft ja wenig, wenn man mit dem Laptop online gehen will, ganz abgesehen davon, dass auch dieser Zugang langsam ist. An echten WiFi-Lösungen als Alternative zu den Verbindungen per Handy haben die Handynetzbetreiber keine großes Interesse. Es kostet und ist ja bloß eine Konkurrenz zu den Handynetzen, mit denen ganz gutes Gekld verdient wird. Ausnahmen bestätigen die Regel: T-Mobile bietet in fast jedem Starbucks einen kostenpflichtigen Zugang an, der aber recht teuer ist. Kurz: aus der Ecke wird kaum etwas in Sachen Wireless zu erwarten sein. Und noch eine Bemerkung dazu am Rande: Die Handyhersteller scheinen das mit zu tragen, so mein Eindruck, denn neben dem iPhone gibt es hier kaum Handys, die Wlan geeignet sind.

Wireless Netzwerke gibt es hier im Valley recht viele. Sitzt man in einem Cafe, findet man oft ein kostenloses Netzwerk. In Mountain View betreibt Google ein kostenloses stadtweites Netz, das allerdings je nach Standort nur eine schlechte Verbindung bietet. Zusammen mit dem Telefonanbieter Earth Link baut Google derzeit ein Wireless Netzwerk in San Francisco auf, das allerdings in seiner kostenlosen Variante wohl auch langsam sein wird. Kommt man allerdings aus den Stadtkernen raus, ist schnell Ende mit dem kostenlosen, kabellosen Zugang. Und dann wird es teuer - wenn es überhaupt einen Zugang gibt. Also wäre prinzipiell Raum für eine neue Kraft, die ein landesweites Wireless Netzwerk hier in den USA aufbaut.

Der zweite Punkt betrifft die Net-Neutrality. Da geht es - extrem verkürzt - darum, dass Internetzugangsanbieter alle oder ausgewählte Inhalte von bestimmten Anbietern bevorzugt und dafür aber kostenpflichtig bereit stellen. Der Rest geht durch, wenn es passt. Das ist Gift für Firmen wie Google oder auch eBay, die ihre Angebote kostenlos bzw. anzeigenfinanziert zur Verfügung stellen oder davon leben, dass ihre Inhalte ohne Verzögerung und in Echtzeit allen Nutzern zur Verfügung stehen. Kein Problem, sagen die Telefon- und Kabelbetreiber, so lange ihr zahlt. Strickte Netz-Neutralität fordern dagegen Google, eBay und Co., denen Gefahr für die Kalkulation oder die Geschäftsgrundlage droht. Diese Geschichte beschäftigt den amerikanischen Kongress und brodelt derzeit im Hintergrund.

Würde Google künftig selbst zumindest einen Teil der Internetzugänge anbieten (und dazu in der mobilsten Version!), hätten die Weltinformationsbeweger aus Mountain View ein mächtiges Pfand in der Hand, um Net-Neutrality durchzusetzen. Ganz abgesehen davon gäbe es einen netten Nebeneffekt für gut gezielte Werbung. Hätte Google nämlich über den kabellosen Zugang auch die Daten darüber in der Hand, wo genau sich ein Nutzer befindet, könnte Werbung noch viel genauer zugeschnitten präsentiert werden. Ganz nett auf der einen Seite, aber in Alptraum unter Datenschutzaspekten, so lange Google keine Transparenz über die Datenverwendung und keine Garantien gegen Missbrauch anbietet.

Es geht aber womöglich noch viel weiter, denn wir sind es ja gewohnt, dass alles, was von Google kommt, keine direkten Kosten verursacht. Sprich: kostenloser kabelloser (werbefinanzierter) Internetzugang für alle hier in den Staaten? Das lassen sich die Telefon- und Kabelnetzbetreiber sicher nicht bieten. Für Google ist es strategisch überlebensnotwendig, einen “neutralen” direkten Weg zu den Kunden zu haben. Für die Telefon- und Kabelnetzbetreiber ist es überlebenswichtig, Geld mit den Netzen zu verdienen, da sie es kaum schaffen würden, auf alternative Einnahmequellen wie Werbefinanzierung umzusteigen. Hier braut sich also einiges zusammen und es hat alle Zutaten für eine hübsche Regulierungsschlacht…

26. Juni 2007: 10 Jahre ACLU vs. Reno

Heute jährt sich der zehnte Jahrestag eines für die Entwicklung des Internets sehr wichtigen Ereignisses. Der amerikanische Supreme Court erklärte den Communications Decency Act (CDA) für verfassungswidrig. Ein Blick zurück ins letzte Jahrhundert:

Mit Beginn der Clinton-Präsidentschaft im Januar 1993 und vor allem mit seinem damaligen Vize Al Gore, der sich (schon damals) nicht nur um Umwelt sondern auch intensiv um Information Superhighway kümmerte, sollte das Internet auch politisch und damit regulativ erschlossen werden. Doch zunächst tat sich nicht viel. Die Nutzerscharen im Web wuchsen und die Politik machte Politik.

Je bevölkerter das Internet wurde, desto mehr Surfern fielen die vielen Problemzonen und Schmuddelecken im Web auf. Das blieb auch den Print-Medien nicht verborgen. Time Magazin titelte im Juli 1995 zur Pornografie im Internet, die Zeit war auf der Höhe und verfolgte das Geschehen, der Spiegel brachte einige Monate später eine Serie in der er unter anderem “Angst vor Anarchie” titelte. Der damalige Justizminister Edzard Schmidt-Jortzig erklärte im Spiegel (11/1996) mit Blick aufs Internet: “Der Nationalstaat ist überholt”.

In den USA ergriffen Senat und Repräsentantenhaus die Iniative, bevor die Regierung handeln konnte und verabschiedeten am 1. Februar den CDA. Präsident Clinton unterzeichnete ihn am 8.2. 1996 und der CDA trat damit - wenn auch nur sehr kurz - in Kraft. Nur einen Tag später gab es eine Klage der American Civil Liberties Union, unterstützt durch die Electronic Frontier Foundation gegen das Gesetz. Die Begründung: das Gesetz verstöße gegen das First Amendment, die Redefreiheit, in der amerikanischen Verfassung.

Der CDA verbot jede Übertragung “unanständiger” (indecent) sexueller Inhalte in einer Form, in der sie Personen unter 18 Jahren zugänglich werden könnten. De facto bedeutete es aufgrund der technischen Möglichkeiten das Ende jeder Darstellung von nackter Haut (Flickr, ick hör dir trapsen) im Internet inklusive aller Web-Sites zur sexuellen Aufklärung, zur AIDS Prävention usw. Aus diesem Grunde wuchs die Allianz, die klagte schnell, etwa um Organisationen wie die der amerikanischen Bibliothekare. Dazu kommt, dass man die Bedeutung des First Amendment, die es zumindest im größten Teil des 20. Jahrhundert für die USA hat, keinesfalls unterschätzen sollte. Sie schützt die Redefreiheit von jedem, von Nazis, die es immer noch nicht besser wissen und auch von allen, die Pornografie verbreiten wollen. Kurz: wenn es um das erste Amendment geht, entstehen hier zuweilen Allianzen der seltsamsten Art, mit hoher Schlagkraft.

Spätestens jetzt erreichte auch die Zeit der großen Träume vom Cyberspace ihren Höhepunkt. Es war etwa die Zeit des Grateful Dead-Texters John Perry Barlow. Barlow prägte den Begriff Cyberspace, den er Ende der 80er entdeckte. Mitte 1990 schuf er zusammen mit dem Lotus Gründer Mitch Kapor und dem ersten Sun-Programmierer John Gilmore die Electronic Frontier Foundation. Barlow sah den Cyberspace als einen neuen Raum, als einen Ort. Er träumte von ihm als neuen wilden Westen, als neuem Kontinent, als “electronic frontier”: “Imagine a place were trespassers leave no footprints, where goods can be stolen an infinite number of times and yet remain in the possession of their original owners, where businesses you never heard of can own the history of your personal affairs…” (Quelle EFF).

Barlow reagierte auf den CAD in einer Email auf seine Art: “Well, fuck them. Or, more to the point, let us now take our leave of them. They have declared war on Cyberspace. Let us show them how cunning, baffling, and powerful we can be in our own defense. (Quelle EFF). Es folgte seine berühmte Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace: “Governments of the Industrial World, you weary giants of flesh and steel, I come from Cyberspace, the new home of Mind…”

Tatsächlich war das Gesetz nach Einschätzung des amerikanischen Internet-Juristen Lawrence Lessing von Anfang an aus mindestens drei Gründen zum Scheitern verurteilt. 1. “indecency” ist keine Kategorie von Sprache, die der Kongress regulieren konnte. Es fehlte durch Verwendung dieses Begriffes die Grundlage zur gesetzlichen Regelung. 2. Das Gesetz war zu vage formuliert. 3. Die Regierung machte in der Verhandlung vor Gericht keinen Versuch, diese Mängel zu beheben. (Quelle: Lawrence Lessig, Code 2.0).

Es dauerte genau eine Woche bis eine einstweilige Verfügung des Gerichtes das Gesetz am 15.2. 1996 außer Kraft setzte. Am 12. Juni 1996 wurde das Gesetz bereits in der ersten Instanz in Philadelphia als verfassungswidrig befunden. Die amerikanische Regierung ging in Berufung und verlor auch den Rechtsstreit vor dem obersten Gerichtshof, heute vor 10 Jahren.

Doch auch heute lohnt es sich, noch einmal das Urteil genau zu studieren. Der damals 77-jährige Richter John Paul Stevens schrieb nämlich sehr viel mehr in das Urteil, als die bloße Entscheidung, dass der CDA verfassungswidrig sei. So finden sich folgende bemerkenswerte Sätze. Die verschiedenen Möglichkeiten des Webs aufzählend schließt er: “these tools constitute a unique medium—known to its users as “cyberspace”—located in no particular geographical location but available to anyone, anywhere in the world, with access to the Internet.” Und weiter: “No single organi zation controls any membership in the Web, nor is there any centralized point from which individual Web sites or services can be blocked from the Web.”

Für mich klingt es fast wie die Geschichte aus einem fernen Jahrhundert. Gut, es sind umgerechnet etwa 70 Internetjahre. Die beteiligten Personen leben noch, zum Teil hier um die Ecke. Sie prägen nicht mehr das Geschehen. Festzuhalten bleibt: zumindest für einen kurzen Moment, heute vor 10 Jahren, was das Internet höchstrichterlich der Cyberspace: ohne geographischen Raum, aber existierend, ohne zentrale Kontrolleinrichtung, ohne Chance für irgend jemanden, Inhalte zu blocken…

Lesetipps zur Story (und sehr viel mehr drum herum, in allen genannten Büchern nimmt diese Episode nur einge Seiten ein):

  • Wissenschaftlich fundiert und wunderbar erzählt: Jack Goldsmith/Tim Wu: Who controls the Internet, Oxofrd 2006
  • Juristisch, ausführlich, langwierig, aber präzise: Lawrence Lessing, Code 2.0, New York 2006 (im Internet unter http://codev2.cc/)
  • Politikwissenschaftlich, supertrocken, aber die Entstehungsgeschichte im Kongress präzise darstellend: Gregor Walter, Globales Netz oder globale Politik? Politische Antworten auf Globalisierung am Beispiel des Internet, Baden-Baden 2005

Globalisiert - und bald auch richtig international: das Internet

So putzig die tapsigen Schritte von YouTube auf deutschem, extra eingeseiften GEMA Parkett sind und so ungeschickt der Flickr-Start in Deutschland wirkt - die Auftritte der Google bzw. Yahoo Ableger auf deutschem Boden sind nur besonders sichtbare Anzeichen einer recht spannenden Entwicklung: Das Internet wird immer internationaler. Hä - jawoll, richtig gehört: internationaler. Denn so globalisiert das Medium ist, es hat in Punkto Internationalität noch einiges nachzuholen. Auch wenn immer noch die meisten Web-Innovationen und Trends aus den USA kommen, die große Mehrheit der Web-Nutzer ist schon lange nicht mehr amerikanisch. Nach einer Prognose der Investment-Banker von MorganStanley vom November 2006 wird der Anteil der amerikanischen Web-Nutzer in diesem Jahr auf 20 Prozent zurückgehen, nur noch rund 30 Prozent sprechen anderen Studien zufolge Englisch. Europa hat danach in diesem Jahr erstmals etwas mehr Nutzer als die USA, aber aus Asien kommen etwa so viele User wie aus USA und Europa zusammen. Das hat zwei weitere Entwicklungen zur Folge:

  • Immer mehr spannende Unternehmen werden nicht mehr im Silicon Valley gegründet. Zum Teil sind das zwar schamlose Kopien von amerikanischen Vorbildern - prominentes Beispiel ist etwa StudiVZ als Facebook Kopie - zum Teil sind es aber hoch innovative Ansätze. Dass die dann hier ins Valley geholt werden, siehe Stumbleupon (ursprünglich in Canada gegründet und gerade für 73 Millionen an eBay verkauft) oder Jajah (ursprünglich aus Österreich und jetzt hier im Valley unter den Fittichen von Sequoia), beweist nur, wie gut die amerikanischen Kapitalgeber diese Ideen finden.
  • Zweitens bedeutet es, dass amerikanische Internet-Unternehmen, die wachsen wollen, sich internationalisieren müssen. Die Internet-Dinos Amazon, eBay und Google haben es vorgemacht, jetzt folgen Web 2.0 Unternehmen. Die haben - in typisch amerikanischer Art - erst recht spät gemerkt, dass auch Asiaten und Europäer das Web nutzen (und sich sicher über die eine oder andere freche Kopie geärgert). Und was für Software, die lokal auf der Festplatte liegt schon lange gilt, nämlich eine Version in der Landessprache zu haben (MS Windows gibt es auch auf Isländisch, nachdem die isländische Regierung gedroht hatte, man werde komplett auf Apples Betriebsystem wechseln, wenn es keine lokalisierte Version geben werde!), wird in Kürze für immer mehr Web 2.0 Angebote gelten. Dann heißt es “Choose your language” oder man landet gleich in der Sprachversion des Browsers oder der Sprache der IP-Adressen-Nationalität, mit der man im Web unterwegs ist (Für non-geeks: IP Adresse ist sozusagen das Namens- und Absenderetikett, mit dem ihr surft. Man kann euch damit nicht nur immer identifizieren, wenn es drauf ankommt, man kann auch bei den meisten IPs ablesen, aus welchem Land sie stammen).

Das hat Folgen. Unternehmen müssen sich immer stärker mit lokalen Gesetzen und (Ab-) Sonderlichkeiten auseinandersetzen. Und das ist gar nicht so einfach, wie das aktuelle Beispiel Flickr zeigt. Ich denke außerdem, dass mit seinem ganzen “User-generated-Content” im Web 2.0 sicher noch mehr solche Fälle auftauchen werden. Muss etwa Nazi-Propaganda zensiert werden oder fällt selbst so etwas unter die Meinungs- und Redefreiheit. In den USA wäre es durch das erste Amendment der Verfassung (Redefreiheit) geschützt, in Deutschland oder Frankreich säße der Forenbetreiber vorm Kadi, wenn er es nicht schnell genug löscht. Was einem in Schweden passieren kann, wenn man seine Blog-Kommentare nicht schnell genug prüft, ist ein weiteres schönes Beispiel: hier zu sehen bei netzpolitik.org.

Das ganze hat aber auch kulturelle Bedeutung. Vor gut einem Jahrzehnt gab es noch die Befürchtung (oder Hoffnung), bald würden alle nur noch Englisch sprechen - die lingua franca des Webs. Der damalige französische Präsident Chirac warnte vor einer “großen Gefahr für die Menschheit”. Und heute? Heute geht es im Web zu wie beim Turmbau zu Babel. Schon 2002 betrug der Anteil der englischen Seiten im Web weniger als 50 Prozent (ich suche noch nach frischeren, vertrauenswürdigen Zahlen…).

“Internationaler” bedeutet jedoch vor allem, dass im Internet immer mehr Grenzen entstehen. Viele Länder, viele Regelungen und Gesetze. Regierungen und Behörden lernen immer besser mit der Technologie umzugehen. Und das muss dann nicht immer nur die Zensur sein, die es vor allem in China und in arabischen Ländern gibt. Wie Ernst das einige Firmen nehmen, zeigt nicht zuletzt die Drohung von Google, die heute in der Wirtschaftswoche nachzulesen ist. Man werde den deutschen Gmail Service schließen, wenn die Bundesregierung tatsächlich bei den Plänen für das Gesetz zur Überwachung des Telekommunikations- und Internetverkehrs bleibe. Ergo: ich halte es mit dem Untertitel des Buches “Who controls the Internet” der amerikanischen Forscher Jack Goldsmith und Tim Wu: “Illusions of a Borderless World”.

Der 3. Weg (ins Internet): WiFi, der Kampf um Frequenzen und um noch mehr…

Hier in den Staaten bereitet sich der eine oder andere auf eine neue große Auktion vor. Es geht um die 700 MHz Frequenzen, die derzeit Zug um Zug frei werden, weil sich die Glotze (TV) aus diesem Bereich zurück zieht. Die Federal Communications Commision bereitet nun die Auktion dieser Frequenzen für das kommende Jahr vor. Der spannende Teil der Geschichte ist, dass noch gar nicht ausgemacht ist, was demnächst auf diesem Frequenzband stattfindet. Derzeit bereiten sich etwa Startups für den kabellosen Internetzugang vor, neben denen sich die millionenschweren Kabelbetreiber in Position bringen. Dazu kommen noch ganz andere Anbieter, wie etwa ein Dienstleister namens Arcadian Networks, der gerade mit 90 Millionen Venture Capital versehen, Unternehmen mit einer besseren Breitband-Kommunikations-Infrastruktur im ländlichen Raum versehen will.

Nun war ich ja letzte Woche viel frühstücken (sorry, habe lange darauf gewartet, endlich selbstreferenziell zu werden), unter anderem auch auf einem Frühstück mit dem FCC Chair Kevin J. Martin im Churchill Club. Als das Gespräch auf die anstehende Auktion kam, hat der gute Mann dann eine sehr interessante Geschichte erzählt. Man sehe nämlich die Frage des Wettbewerbs im Zungangsgeschäft zum Internet durchaus kritisch. Dazu muss man wissen, dass hier derzeit ein extrem harter Wettbewerb zwischen Kabelanbietern und Telefongesellschaften um das Zugangsgeschäft läuft. Und das im Schatten einer penetranten Fusionitis in den einzelnen Sektoren, wie etwa das Beispiel at&t zeigt. Nun, die FCC - so Martin - sieht die kabellosen Zugänge als dritte Säule im diesem Wettbewerb. Ist also schon eine Vorentscheidung für den Zugang zur Auktion gefallen? Dürfen gar nicht alle mitmachen - oder zumindest nur mit Einschränkungen? Und was ist mit stillen Zugangsexperimentierern wie Google. Mein großer Nachbar um die Ecke hat diese Woche sein Go erhalten, zusammen mit Earthlink ganz San Francicso mit einem kostenlosen kabellosen Zugang zu versorgen.

Und das Sahnehäubchen: Anbieter von Internetdienstleistungen und Internetzugangsbetreiber streiten sich hier unter dem Stichwort Net-Neutrality unter anderem darum, ob es in Zukunft (kostenpflichtige!) Schnellbahnen für bestimmte Datentypen geben soll. Dieser Streit ist noch lange nicht ausgetragen und schwelt im amerikanischen Kongress in mehreren Ausschüssen vor sich hin.

Bin ich ein Schelm, wenn ich mir vorstelle, dass das die Kulisse ist, vor der etwa Google und Co derzeit in San Francisco nur üben, um im nächsten Jahr bei den Auktionen zuzuschlagen?

Digg: Aufruhr im Wilden Westen

Hier geht es in diesem Tagen wieder einmal sehr roh zur Sache. Digg.com hat aufgrund von Druck durch Unternehmen einige Postings gelöscht, in denen ein paar intelligente Tüftler einen Code veröffentlicht hatten, der es anderen Tüftlern erlaubt, den Kopierschutz von hochauflösenden DVDs zu knacken. Das hat zum Aufstand der User geführt, die protestiert und den Code massenweise geposted haben, so dass Digg schließlich kapituliert hat und nichts mehr löscht (hier das Ganze sehr schön zusammengefasst in der New York Times und hier etwas technischer im Spiegel).

Nun ja, kommen hier die „guten alten“ Zeiten wieder, zurück in die 60er? Demo? Straßenkampf? Und alles für umsonst für alle? Nope – aber: ganz klar ist doch, dass ein Musiker/Filmer irgendwie seine Brötchen verdienen möchte, die Industrie auch verdienen will und dass es niemals einen sicheren Kopierschutz geben wird. Der entscheidende Punkt ist dann für mich, dass die Unternehmen in Hollywood & Co keinen Weg finden, glaubwürdig und nachhaltig zu kommunizieren, dass sie und die Künstler ein Recht haben, an den Filmen und der Musik Geld zu verdienen, die sie produzieren. Stattdessen fuchteln sie nur mit dem Revolver, dem Sheriff und den Anwälten rum. Was ist das für eine Gemengelage, in der es einerseits null Unrechtsbewusstsein bei Konsumenten gibt, Musik und Filme zu kopieren, andererseits Unternehmen wie Sony keine Bedenken haben, einen „Sonytrojaner“ auf anderer Leute Rechner zu schmuggeln? Ach so, ja der Staat, hat den jemand gesehen? Geht es bald zu wie bei dem Bahntycoon von Sergio Leone, der sich seine eigene bewaffnete Aufräumtruppe gekauft hat, um „seine“ Ordnung zu schaffen.

Die Ursache für den aktuellen Turmoil sind Abmahnungen bzw. Unterlassungserklärungen, mit denen die Anwälte der betroffenen Firmen versucht haben, die Veröffentlichung des Codes zu verbieten. Da war es völlig klar, dass es nur Stunden dauern würde, bis es unter Verweis auf das 1. Amendment der amerikanischen Verfassung (Redefreiheit) zum kollektiven Aufschrei im Social Web kommen würde. Das einzige Ergebnis: Der Graben ist noch tiefer geworden, über den hinweg es einen Konsens in der Internet-Gesellschaft zum Thema Rechte und (geistiges) Eigentum geben muss. Ohne den geht gar nichts, ohne den wird auch die beste Regulierung nicht funktionieren. Wieso komme ich eigentlich darauf, dass es in den beteiligten Unternehmen am ehesten eine Reihe smarter, phantasievoller, gut bezahlter Leute geben müsste, die das wissen sollten?

Push aufs Handy II - Push auf die Datenbremse?!

Gut, das war im ersten Teil zu kurz. Weil TV auf dem Handy so ein anschauliches Beispiel für das Dilemma zwischen guter, passender Werbung und dem Datenschutz ist. Im Prinzip hätten es die Werber jetzt gut. Sie können auf die klassische TV-Werbung setzen und einfach abnudeln, was gemäß ihrer Zielgruppenanalyse passen müsste - so wie immer. Und damit sind wir wieder bei der nervtötenden Werbung, die wir kennen. Für mich bedeutet das einen Rückfall in die Zeit der “für-mich-irrelevanten” Werbung. Dabei ist das Geniale doch, dass man als Handybetreiber wunderbare Profile erstellen kann und dann zielgruppengenau wirbt (gilt noch mehr für die künftige Werbung auf dem Heim-TV - ist aber Thema für ein ander mal). Bin ich unterwegs und bei Starbucks um die Ecke und weiß der Handybetreiber, dass ich schon neulich übers Handy einen Starbucks gesucht habe, kommt ein kleiner Starbucks Trailer… Das erinnert zu sehr an Big Brother? You’re right. Genau da liegt der Hase im Pfeffer. Hat heute auch der Datenschutzbeauftragte (schaut mal bei S. 104) festgestellt.

Aber es ist nicht so einfach, oder? Denn Werbung, die für mich relevant ist, interessiert mich. Das geht nur, wenn die entsprechenden Unternehmen einige Daten über mich haben. Also ein echtes Dilemma. Denn ich kenne spontan kein Unternehmen, bei dem ich ganz sicher sein kann, dass es nicht doch Schindluder mit meinen Daten treibt. Ich fände es daher als ersten Schritt recht einfach und nett, wenn ich etwa bei Google einsehen könnte, was die über mich wissen! Hab doch einen Account da. Könnte doch nicht so schwierig sein. Oder? So lange das nicht geht, hätte ich gerne alle meine Daten zurück. Und stattdessen Werbung nur als “Pull” - etwa durchklassische Recherche bei einer Suchmaschine, die gerne Google heißen darf, weil sie so schöne passende Werbung neben den Suchergebnissen hat…

Filmchen in Zeiten des Wahlkampfes

OK. Zeit über Politik zu reden. Politiker, Wahlkampf und das Internet um genau zu sein. Eigentlich ist das ein sehr langweiliges Thema. Weil es, naja, sagen wir mal, sehr gewöhnlich und vorhersehbar ist. Agit-Prop-SMS-Technik aus der Kampa - ganz nett, Blogs - ok, Web-Sites - schon mal die Seite Eures Abgeordneten angeschaut?

Hier geht es jetzt langsam in Sachen Wahlkampf zur Sache. Die Kandidaten zu den Vorwahlen bringen sich in Position. Es geht um die nächsten Präsidentschaftskandidaten. Die Kandidaten reisen rum, reden, sind im TV, sie schreiben Blogs, sie lassen Blogs schreiben, zahlen auch die eine oder andere Anzeige in Politikblogs, müssen sich Kritik von anderen Politikblogs anhören, dass sie dort keine Anzeige schalten…

Seit ein paar Tagen macht hier aber ein Filmchen Furore, das auch mir richtig Spaß macht: es kommt nämlich nicht von einem der Kandidaten bzw. deren Kommunikationsexperten, sondern (angeblich, hoffentlich) von irgendwem, einem normalen, echten User. UPDATE AM 23.: DAs kommt davon, wenn man an den Weihnachtsmann glaubt. Der “Täter” ist entlarvt und kommt aus dem Team, das für Barack Obama die Web-Site baut. Das ist peinlich. Jaja, und von denen hat keiner einen blassen Schimmer gehabt… Aber ich denke, die Idee ist gesetzt. Wahlkampf 2.0 Web 2.0 in der Politik: jetzt nehmen die Wähler den Wahlkampf selbst in die Hand.

Hier gehts zum Film (Sorry, einbinden klappt technisch nicht, zerhaut mir die ganze Site…)

Und das geht ab, wie eine Rakete. Zum Vergleich: Hillary Clintons Web-Site hatte im Januar laut Wall Street Journal rund 828.000 Besucher, die van Barack Obama - der von dem Film profitieren soll - etwas mehr als eine halbe Millionen. Das Video haben dagegen in den letzten Tagen mehr als eineinhalb Millionen Menschen gesehen, die vielen Kopien die inzwischen im Umlauf noch gar nicht mitgezählt. DAS wird wirklich interessant. Virale Methoden in diesem Geschäft. Da wird sich doch ganz schnell einer einen politischen Grippevirus fangen. Mal schauen, wann die ersten gefälschten “User-generated” Videos auftauchen, wo die Kandidaten dann später zugeben müssen, etwas nachgeholfen zu haben…