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Silicommdada

Auf dem Steckenpferd unterwegs im Silicon Valley

Archive for July, 2007

Googles eigener Weg zum Kunden…

Vor ein paar Wochen habe ich hier einmal darüber nachgedacht, dass die für 2008 geplante Auktion von Frequenzen, die für einen landesweiten kabellosen Internetzugang geeignet sind, eigentlich Google interessieren müsste. Freitag kam es dann über den Ticker: Google interessiert sich für die Frequenzen, möchte aber die Bedingungen geändert haben, zu denen die Versteigerung stattfindet! Google Chef Eric Schmidt möchte erreichen, dass die Frequenzen an Subabnehmer weiter gegeben müssen, wenn sie durch den Gewinner der Auktion nicht genutzt werden. So soll wohl ausgeschlossen werden, dass jemand die Frequenzen kauft, um sie dann ganz einfach zu Lasten des Wettbewerbs still zu legen.

Ich denke, die Chancen für Google stehen nicht schlecht. Erstens haben die Informationscontroller aus Mountain View das nötige Kleingeld, um andere potentielle Käufer zu überbieten. Und was den Änderungswunsch anbelangt: da hat ja FCC Chef Kevin J. Martin (die Federal Communication Commission (FCC) ist die oberste Kommunikationsregulierungs-Behörde in den USA, die die Auktion durchführt) seinerzeit nur wenige hundert Meter von Googles Zentrale entfernt gesagt, dass es seiner Behörde darum gehe, den Wettbewerb zu forcieren.

Und um Wettbewerb und um die Net-Neutrality geht es bei dieser Geschichte. Stichwort Wettbewerb: Internetzugang gibt es auf vier Wegen. Zu Hause übers Telefonnetz, über das (TV-) Kabelnetz und per Funk übers Handy oder ein (privates, lokales oder kommunales) Wireless Lan (Zugang per Satellit lassen wir mal als kaum relevant weg). Zwischen Telefongesellschaften und Kabelnetzbetreibern herrscht hier ein recht harter Wettbewerb, von dem aber nur Neukunden etwas haben - spätestens nach einem Jahr steigen die Preise und die Qualität lässt durchweg zu wünschen übrig. Kaum zu glauben aber wahr: hier im Herzen des Silicon Valleys ist es nicht leicht, als Privatanwender eine wirklich schnelle DSL Verbindung zu bekommen.

Die Anbieter der amerikanischen Handynetze haben bislang wenig Enthusiasmus gezeigt, im kabellose Bereich aktiv zu werden. Der Zugang per Handy ist recht langsam und kostet vergleichsweise viel. Erst jetzt mit dem neuen Tarif für das iPhone kommen die Preise ein wenig in Bewegung. Aber das iPhone hilft ja wenig, wenn man mit dem Laptop online gehen will, ganz abgesehen davon, dass auch dieser Zugang langsam ist. An echten WiFi-Lösungen als Alternative zu den Verbindungen per Handy haben die Handynetzbetreiber keine großes Interesse. Es kostet und ist ja bloß eine Konkurrenz zu den Handynetzen, mit denen ganz gutes Gekld verdient wird. Ausnahmen bestätigen die Regel: T-Mobile bietet in fast jedem Starbucks einen kostenpflichtigen Zugang an, der aber recht teuer ist. Kurz: aus der Ecke wird kaum etwas in Sachen Wireless zu erwarten sein. Und noch eine Bemerkung dazu am Rande: Die Handyhersteller scheinen das mit zu tragen, so mein Eindruck, denn neben dem iPhone gibt es hier kaum Handys, die Wlan geeignet sind.

Wireless Netzwerke gibt es hier im Valley recht viele. Sitzt man in einem Cafe, findet man oft ein kostenloses Netzwerk. In Mountain View betreibt Google ein kostenloses stadtweites Netz, das allerdings je nach Standort nur eine schlechte Verbindung bietet. Zusammen mit dem Telefonanbieter Earth Link baut Google derzeit ein Wireless Netzwerk in San Francisco auf, das allerdings in seiner kostenlosen Variante wohl auch langsam sein wird. Kommt man allerdings aus den Stadtkernen raus, ist schnell Ende mit dem kostenlosen, kabellosen Zugang. Und dann wird es teuer - wenn es überhaupt einen Zugang gibt. Also wäre prinzipiell Raum für eine neue Kraft, die ein landesweites Wireless Netzwerk hier in den USA aufbaut.

Der zweite Punkt betrifft die Net-Neutrality. Da geht es - extrem verkürzt - darum, dass Internetzugangsanbieter alle oder ausgewählte Inhalte von bestimmten Anbietern bevorzugt und dafür aber kostenpflichtig bereit stellen. Der Rest geht durch, wenn es passt. Das ist Gift für Firmen wie Google oder auch eBay, die ihre Angebote kostenlos bzw. anzeigenfinanziert zur Verfügung stellen oder davon leben, dass ihre Inhalte ohne Verzögerung und in Echtzeit allen Nutzern zur Verfügung stehen. Kein Problem, sagen die Telefon- und Kabelbetreiber, so lange ihr zahlt. Strickte Netz-Neutralität fordern dagegen Google, eBay und Co., denen Gefahr für die Kalkulation oder die Geschäftsgrundlage droht. Diese Geschichte beschäftigt den amerikanischen Kongress und brodelt derzeit im Hintergrund.

Würde Google künftig selbst zumindest einen Teil der Internetzugänge anbieten (und dazu in der mobilsten Version!), hätten die Weltinformationsbeweger aus Mountain View ein mächtiges Pfand in der Hand, um Net-Neutrality durchzusetzen. Ganz abgesehen davon gäbe es einen netten Nebeneffekt für gut gezielte Werbung. Hätte Google nämlich über den kabellosen Zugang auch die Daten darüber in der Hand, wo genau sich ein Nutzer befindet, könnte Werbung noch viel genauer zugeschnitten präsentiert werden. Ganz nett auf der einen Seite, aber in Alptraum unter Datenschutzaspekten, so lange Google keine Transparenz über die Datenverwendung und keine Garantien gegen Missbrauch anbietet.

Es geht aber womöglich noch viel weiter, denn wir sind es ja gewohnt, dass alles, was von Google kommt, keine direkten Kosten verursacht. Sprich: kostenloser kabelloser (werbefinanzierter) Internetzugang für alle hier in den Staaten? Das lassen sich die Telefon- und Kabelnetzbetreiber sicher nicht bieten. Für Google ist es strategisch überlebensnotwendig, einen “neutralen” direkten Weg zu den Kunden zu haben. Für die Telefon- und Kabelnetzbetreiber ist es überlebenswichtig, Geld mit den Netzen zu verdienen, da sie es kaum schaffen würden, auf alternative Einnahmequellen wie Werbefinanzierung umzusteigen. Hier braut sich also einiges zusammen und es hat alle Zutaten für eine hübsche Regulierungsschlacht…

Happy Bithday, Virus!

Gestern war ein runder Geburtstag - und passend zum Thema fiel er auf den Freitag den 13. Gestern war nämlich der 25. Geburtstag des Computer Virus. Der erste Virus kam über Disketten und befiel nur Apple Rechner. Er war als Streich gedacht und vergleichsweise harmlos, da er nur in größerem Abstand beim Starten des Rechners schlechte Poesie auf den Bildschirm zauberte, die irgendwann wieder verschwand. Ein netter Hörfunk Beitrag von Science Friday auf NPR (hier als mp3) mit weiteren Informationen und Links zum Thema macht Euch noch schlauer.

Die Reputation des Individuums (im Webzeitalter)

Früher war ja alles ganz anders. Kam einer daher und wollte mir einen erzählen, habe ich mich umgehört und mir ein Bild von der Person gemacht. Vielleicht hatten wir gemeinsame Freunde, oder es gab sonst etwas, das die Vertrauenswürdigkeit erhöhte. Genauso lief das bei der Suche nach Handwerkern, guten Restaurants etc.

Nun kann man sich im Web 2.0 ja auch jede Menge Rat und Services holen. Das beginnt mit Amazon und eBay, geht weiter auf Web-Seiten wie qype oder yelp, die ihre Mitglieder am Ruf von Dienstleistern arbeiten lassen, in dem sie ihre User Bewertungen schreiben lassen. Für Produkte gibt es das schon ein Weilchen länger, etwa bei ciao. Wie soll man nun den Tipps dort vertrauen? Was soll ich von jemandem halten, der einen Tipp gibt, von dem ich aber noch nie gehört habe und der am anderen Ende der Welt sitzt? Wenn er wirklich dort sitzt und es ihn wirklich gibt… Und, dass er nicht vielleicht ein ganz anderes Interesse hat. Heute ein schönes Beispiel dazu: der CEO von Whole Foods, einer Bio-Supermarktkette, hat wohl seit vielen Jahren unter Pseudonym online geschrieben, seine Firma gelobt und und auch schon mal über einen Übernahmekandidaten gelästert.

Eine Lösung ist, dass man die möglichen Verbindungen aufzeigt, also schauen, ob es sich etwa um den Freund eines Freundes halndelt. Das geht so xing, linked in und auch im Projekt, an dem ich mitarbeite – bei miaplaza.

Ein anderer Ansatz ist das Rating. Ihr kennt es von den Amazon Händlern und von eBay: Dort können Kunden nach dem Abschluss die Person bewerten, von der sie etwas gekauft haben. Professionelle Ratingagenturen für das Geschäftsleben gibt es ja schon seit Jahrzehnten. Ich meine die Institutionen, die die Kreditwürdigkeit von Unternehmen oder auch ganzen Staaten bewerten. Das das sind ganz schön mächtige Organisationen, die Einfluss auf das Wohl und Wehe ganzer Nationen haben. Eine andere Version ist die Schufa in Deutschland, die die Kreditwürdigkeit von Firmen und Personen bewertet.

Und so ist es kein Wunder, dass jetzt auch Unternehmen entstehen, die die (Online-) Reputation einzelner Menschen im Visier haben. Es geht um Web-Sites, die Usern anbieten, andere User zu bewerten.

Schon seit einiger Zeit macht das rapleaf.com. Bei denen ging es zunächst nur um die Email Reputation. Die Idee lautete, dass jemand mit hoher Reputation eigentlich nicht in Spamfiltern hängen bleiben sollte – wenn denn genug mitmachen und auch die Relevanz dieser Reputation von Spamfiltern anerkannt wird. Inzwischen geht Rapleaf weiter und möchte ganz allgemein die „Online Reputation“ bewerten.

Gleich in die Vollen geht Venyo.org. Dort soll es um die ganze Reputation eines Individuums im Web gehen. Im Gespräch hat mir Mitgründer Fabrice Cornet neulich beim Web Montag erzählt, dass Venyo als neutrale Organisation zum Partner großer Webhäuser werden möchte. 14.7.07: Der Kommentar von Stephan (siehe unten) animiert mich zu folgender Ergänzung: Dazu planen die Gründer von Venyo zu einer Art offenen Standard zu werden. Sprich jede Web-Site kann das Venyo Reputationssystem für ihre Nutzer verwenden. Aber angezeigt wird die Reputation, die der User auf allen Seiten erwroben hat, auf denen er unterwegs ist und die das Venyo Syetm nutzt. Neutralität ist bei Venyo quasi per Herkunft eingebaut, das Unternehmen hat seinen Sitz in der Schweiz. Und das .org in der Domain soll unterstreichen, dass es hier um eine neue Internet-Institution gehen soll. Allerdings residieren die Gründer seit kurzem hier im Valley, weil halt hier die Musik spielt.

Hinter Venyos Technologie, so Cornet, steht eine Universität in der Schweiz. Dort seien die Algorhythmen entwickelt worden und dort werde auch der künftige Datenschatz gehortet. Sicher und vertraulich, so wie in einer Schweizer Bank. Auf meine ganzen kritischen Nachfragen, wie das denn genau funktioniere (Sicherheit, Betrug, Schutz vor übler Nachrede, Verfahren zur Bewertung, ethische Fragen), hatte Cornet überwiegend gute Antworten, allerdings konnte er mir (noch?!) nicht alles zeigen, was er mir erzählte.

Sicher, so eine Organisation scheint für einiges ganz nützlich. Man könnte sehen, wie vertrauenswürdig ein Blogger bewertet wird, man könnte auch schon vor dem ersten Verkauf auf eBay vertrauenswürdig sein… Aber sollte das ganze System einmal etabliert sein, gibt es kein Entrinnen mehr. Keine Online-Reputation, kein Deal, nirgendwo. Da ist die Schufa ein Klacks gegen. Es hängt also alles an der Reputation und der (technologischen) Vertrauenswürdigkeit der Organisationen selbst, die das machen. Und da, so mein Eindruck, hapert es noch sowohl bei Rapleaf als auch bei Venyo. Ich meine, dass die Vertrauenswürdigkeit nur durch Transparenz gewinnen können. Und die gibt es bislang nicht. Wieso kann man zum Beispiel nicht sehen, nach welchem Verfahren bewertet wird? Warum steht bei Venyo nichts über den Hintergrund des Verfahrens und den akademischen Partner. Konkurrenzgründe mag ich nicht gelten lassen: Wenn die Algorhythmen wirklich so einmalig sind, wie behauptet, was soll denn dann passieren, wenn wir wissen, welche Prozesse im Hintergrund ablaufen? Außerdem: Wer kontrolliert eigentlich die Bewerter und wer gibt ihnen überhaupt das Recht, zu richten. Und daran knüpft sich die nächste Frage an: muss das wirklich durch eine neue, private Organisation gemacht werden oder können wir andere vorhandene Strukturen nutzen. Nicht, dass ich nach dem Staat rufen will. Bis Staaten so etwas gelingen würde, kommunizieren wir schon wieder mit Trommeln und Rauchzeichen, weil der Strom alle ist. Nein, aber es gibt ja bereits einige globale und neutrale Organisationen, die dem Web gute Dienste leisten.

Da die Reputation der Internetnutzer sowohl bei Rapleaf als auch bei Venyo durch andere User entsteht, sind einige Punkte klar: Relevant wird es erst, wenn massenweise Leute dabei sind. Aber so ein kleiner Rufmord wird sicher auch schon jetzt möglich sein. Das aber sei, so Fabrice Cornet, bei Venyo ausgeschlossen. Man habe genug Sicherheiten eingebaut, um das zu verhindern. Leider kann man da bislang nur hoffen, dass das stimmt. Dass sich einer dieser Anbieter etablieren wird, ist für mich ausgemacht. Aber dass sich die Leute massenweise zu etwas aufmachen und hinterher verwundert die Augen reiben, das soll ja schon mal vorgekommen sein.