Bei Startups im Silicon Valley denken sicher viele an tolle Büros unter Palmen; an VCs (Venture Capitalist), die mit dem millionengefüllten Lederköfferchen, ihre makellosen Zähne entblößend, vorbeischauen; an Börsengänge, bei denen man aus den Milliönchen Milliarden macht… In den letzten Tagen habe ich zweimal die “erdnahe”, die eigenwillige und selbstbewußte, die innovative und faszinierende Startup-Szene jenseits der Millionen geboten bekommen. Zuerst auf dem “bootstrap-event” (bootstraping ist das amerikanische Wort für “an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen”) des Churchill Clubs und dann noch einmal in Persona der unglaublich interessanten Gründerin von fusicology.com.
Beim Churchill Club ging es vergangene Woche dezidiert darum, wie man sein Startup ohne VC Investitionen oder eigene Millionen aufbaut. Unter anderem berichtete Gabe Rivera, Gründer und CEO von Techmeme. Techmeme ist eine sehr schlaue Blogsuchmaschine, die nach neuen technischen Themen in der Blogosphäre sucht (deutscher “Pendant” ist Rivva.de). Gabe ist ein typischer Tüftler, sehr schlau, eigenwillig und vielleicht auch eigenbrötlerisch. Er hat einen recht guten Job als Entwickler bei Intel aufgegeben, um sein Leben in seinem Einraum-Apartment in Menlo Park vor dem Computer zu verbringen und Techmeme zu entwickeln. Auch Stephen Weir, Gründer von madeit.com ist ein sehr interessanter, eigenwilliger Typ. Er ist der typische Entrepreneur. Kein Techi, von Programmierung hat er, wie er selbst sagt, kaum Ahnung. Stephe kommt aus Neuseeland und hat dort und in Japan schon Unternehmen gegründet. Dann hat er eine Green Card gewonnen, ist ins Valley gezogen und hat madeit gegründet. Sean Byrnes, der Gründer und CEO von Flurry ist dagegen (inzwischen) schon etwas mehr mainstream. Er ist selber Programmierer und hat Flurry zu Beginn im eigenen Apartment von einem dort aufgestellten Server betrieben. Er hat allerdings inzwischen “VC-Funding” und ist aus dem Gröbsten raus. Der Vierte im Bunde war Craig Newmark, der Gründer von Craigslist.com, dem “Zeitungskiller”, weil seine kostenlosen Onlineanzeigen den gedruckten Kleinanzeigenmarkt hierzulande fast komplett beseitigt haben und hiesige Zeitungen unter anderem dadurch ganz schön unter Druck geraten sind. Craig gehört in die “alternative” Kalifornien Szene, trat mit einem großen Obama-Badge am Jackenrevers auf, und ist nach seinen eigenen Worten ein “lousy manager” und sein Erfolg ein “happy accident”. Das lassen wir mal so stehen…
Sehr spannend war es, die Bedingungen zu vergleichen unter denen Craig auf der einen Seite und die drei anderen Gründer andererseits ihre Unternehmen gestartet haben. Craig musste noch sehr viel Geld in die technische Infrasrtuktur stecken, um zu starten. Sean hat einen alten PC als Server im Wohnzimmer aufgestellt, Gabe nur einen Laptop benötig und den Server für ein paar Dollar online gemietet. Die Ausgaben oder präziser - die Gründungs- und Betriebskosten - der beiden waren minimal. Im Prinzip nur ein paar hundert Dollar und dazu kommen dann nur die eigenen Lebenshaltungskosten. Stephen hat ein anderes Rezept, weil er nicht selbst programmieren kann. Er bezahlt aber auch keine Programmierer, sondern hat Leute gefunden, die an seine Idee glauben und auf Anteilsbasis arbeiten. Er hat deshalb schon jetzt in der Startphase ein ganzes Team um sich. Das verdeutlicht, was hier immer öfter funktioniert: nimm Deinen Laptop, hole Dein Sparbuch mit ein paar hundert Dollar und lebe Deine Unternehmensidee. Und wenn es nicht klappt - so what? Keine Schulden, kein Bedauern, aber wertvolle Erfahrungen!
Das Schmankerl der Veranstaltung war der Moderator: Michael Arrington, der Alpha-Blogger des Valleys ist ja mit seinem Techcrunch auch ein bootstrapper. Ich habe ihn inzwischen schon mehrfach gesehen. Aber was mir an diesem Abend besonders gefallen hat: er war nicht nur das sympatisch-arrogante Großmaul wie sonst, sondern hatte auch ein paar sehr nachdenkliche Töne anzubieten.
Ja, und dann noch ein paar Sätze zu fusicology. Asya Shei lebt nicht im Valley sondern in LA. Sie ist Gründerin und CEO der Hiphop und Soul Online-Community fusiocology und auch kein Techi. Asya hat aber eine ganz klare Vision wie ihre Community funktionieren soll, weiß unglaublich viel über Soul und Hiphop und kennt die Musikszene sowie Hinz und Kunz. (Als wir beim Mittagessen in ein Restaurant in San Francisco kommen wurde sie prompt von einem Musiker angesprochen, der sie kennt, plauschte über die Konzerte der Woche in San Francisco…) Ihre Kolleginnen und Kollegen sind über die ganzen USA verteilt, Programmiererin etwa in Denver, ein Finanzmensch in New York. Auch ihr Beispiel zeigt, dass man ohne das große Kapital ein Internet-Startup aufbauen kann. Eine gute Idee, eine handvoll Dollar, sehr viel Willenskraft, ein dickes Fell bei Rückschlägen und sehr, sehr viel Arbeit - das bringt ein Startup durchaus weiter als nur bis zu einem guten VC.